Deutschland braucht IT-Partner in Europa aber andere als bisher

Deutschland braucht IT-Partner in Europa aber andere als bisher

Deutschland braucht IT-Partner in Europa aber andere als bisher

Welche Fähigkeiten künftig gefragt sind, was Kroatien bieten kann und worauf es in der Praxis ankommt

Der Fachkräftemangel in der IT ist längst eine Frage der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland. Immer mehr Unternehmen suchen Unterstützung jenseits der Grenze, doch was sie suchen, verändert sich grundlegend. Dario Bošnjak ist seit 20 Jahren in der IT in Deutschland und Kroatien tätig und verantwortet seit zehn Jahren die Architektur eines deutschen Managed-IT-Dienstleisters. In seinem Gastbeitrag für die KWVD zeigt er, welche Fähigkeiten künftig gefragt sind, warum Kroatien dabei unterschätzt wird und wie die Zusammenarbeit über Grenzen gelingt.

Jahrelang folgte die Suche nach IT-Unterstützung im Ausland einer einfachen Logik. Es fehlten Leute oder sie waren zu teuer, also wurde Arbeit dorthin verlagert, wo es mehr Leute zu geringeren Kosten gab. Diese Logik verliert an Kraft. Meine These lautet: Deutsche Unternehmen werden im Ausland künftig nicht mehr Kapazität suchen, sondern Fähigkeiten. Ich schreibe das nicht aus der Rolle eines Beobachters. In meiner täglichen Arbeit verantworte ich die Architektur eines IT-Dienstleisters, der selbst mit verteilten Teams arbeitet. Ich sehe, welche Aufgaben sich gut über Grenzen verteilen lassen und welche nicht. Und ich habe nichts zu verkaufen. Mein Interesse ist nicht, einen Standort schönzureden, sondern zu beschreiben, was in der Praxis funktioniert.

„Deutsche Unternehmen werden im Ausland künftig nicht mehr Kapazität suchen, sondern Fähigkeiten.“

Gesucht: Fähigkeiten statt Kapazitäten

Zwei Entwicklungen verändern die Suche nach Unterstützung im Ausland. Erstens übernimmt künstliche Intelligenz zunehmend genau die Routinearbeit, die früher ausgelagert wurde: Standardanfragen, einfache Tests, wiederkehrende Betriebsaufgaben. Zweitens werden die Aufgaben, die übrig bleiben, deutlich anspruchsvoller. Ich sehe vier Bereiche, in denen deutsche Unternehmen künftig vor allem Unterstützung suchen werden.

Allen vier Bereichen ist eines gemeinsam: Sie verlangen Erfahrung, Urteilsvermögen und Verantwortung. Das sind keine Aufgaben, die man per Ticket abarbeiten lässt. Wer dafür Unterstützung im Ausland sucht, braucht einen Partner auf Augenhöhe und keinen günstigen Zulieferer. Und das verändert die Frage, welcher Standort passt.

Warum Kroatien

Warum sollte ein deutsches Unternehmen dafür nach Kroatien schauen und nicht nach Polen oder Rumänien? Die EU-Mitgliedschaft haben alle diese Länder, innerhalb der EU ist sie also kein Unterscheidungsmerkmal. Sie zählt gegenüber Standorten außerhalb der EU, wo sich bei Daten- und Sicherheitsregeln sofort zusätzliche Fragen stellen. Innerhalb der EU sehe ich fünf echte Vorteile Kroatiens.

  1. Nähe zum deutschsprachigen Raum. Viele kroatische Fachkräfte haben in Deutschland oder Österreich gearbeitet oder studiert und kennen die Arbeitsweise aus eigener Erfahrung. Das verkürzt die Einarbeitung erheblich. Seit einigen Jahren ziehen zudem wieder mehr Menschen nach Kroatien, als das Land verlassen, darunter viele mit genau dieser Erfahrung.
  2. Der Euro. Anders als in Polen oder Rumänien gibt es kein Wechselkursrisiko. Für eine langfristige Planung ist das ein echter Unterschied.
  3. Produkt-DNA. Kroatien ist nicht nur ein Dienstleistungsstandort. Aus dem Land kommen international erfolgreiche Technologieunternehmen (etwa Infobip oder Rimac). Wer dort rekrutiert, findet Leute, die gewohnt sind, Produkte zu bauen und Verantwortung zu tragen, nicht nur Aufträge abzuarbeiten. Das passt genau zu den Fähigkeiten, die künftig gefragt sind.
  4. Die richtige Größe. Kroatien ist klein genug, dass man als mittelständisches Unternehmen sichtbar ist, und groß genug für spezialisierte Teams von 20 bis 80 Fachleuten. In den großen Märkten konkurriert man dagegen mit riesigen Zentren internationaler Konzerne.
  5. Lebensqualität. Das klingt weich, ist aber ein harter Faktor, wenn es darum geht, gute Leute zu halten. Fachkräfte bleiben dort, wo sie gern leben, und für viele Rückkehrer ist genau das der Grund, wieder in Kroatien zu arbeiten.

ZUR EHRLICHKEIT GEHÖRT AUCH DIE GRENZE Kroatien ist ein kleines Land mit einem begrenzten Pool an erfahrenen Fachleuten, und die Löhne steigen kräftig. Ein Zentrum mit 500 Leuten würde ich dort nicht planen, und wer nur über Kosten rechnet, wird enttäuscht. Für spezialisierte Teams mit echter Verantwortung ist Kroatien aus meiner Sicht aber eine der interessantesten Optionen in Europa.

Erst das Wie, dann das Wo!

Die meisten Unternehmen fragen zuerst: Wo? Die bessere erste Frage lautet: Wie? Will ich ein eigenes Team aufbauen, eine Leistung bei einem lokalen Dienstleister einkaufen oder eine Partnerschaft eingehen? In Kroatien sind alle drei Wege möglich. Erst wenn der Weg klar ist, lohnt sich die Standortfrage.

Ist der Weg gewählt, entscheiden nach meiner Erfahrung sechs Dinge über Erfolg oder Misserfolg.

Klar definierte Rollen tragen weiter als räumliche Nähe. In meiner eigenen Organisation arbeiten Architektinnen und Architekten in vier klar unterschiedenen Rollen: in der Beratung von Kunden, als Fachexperten für einzelne Technologiebereiche, als feste Ansprechpartner für einzelne Kunden und als Verantwortliche für Produkte. Wer weiß, wofür er verantwortlich ist und wo seine Entscheidung endet, arbeitet auch über Grenzen hinweg gut zusammen. Wo Rollen unscharf sind, hilft auch das gemeinsame Büro nicht.

Der häufigste Fehler betrifft Punkt eins. Viele Unternehmen beginnen mit ein paar Fachleuten und einem Ansprechpartner in Deutschland, der das nebenbei betreut. Das funktioniert ein paar Monate. Danach fehlt jemand, der vor Ort Entscheidungen trifft, Konflikte löst und das Team weiterentwickelt. An dieser Stelle kippen die meisten Vorhaben.

Fazit: Was jetzt zu tun ist

Die Zusammenarbeit über Grenzen wird sich in den nächsten Jahren deutlich verändern: weniger Masse, mehr Spezialisierung. Teams werden kleiner, erfahrener und tragen mehr Verantwortung. Die Entfernung spielt dabei immer weniger eine Rolle. Entscheidend werden Vertrauen und eine gemeinsame Arbeitsweise. Davon profitieren Länder, die kulturell nah sind und starke Ingenieure haben, wenn sie sich als Kompetenzstandort verstehen und nicht als Kostenstandort. In Kroatien läuft dieser Wandel bereits: In der IT wachsen die Entwicklungszentren ausländischer Unternehmen am stärksten. Für deutsche Unternehmen heißt das: Wer jetzt mit dem richtigen Modell kommt, baut sich einen Ruf als Arbeitgeber auf, bevor der Wettbewerb um die besten Fachleute noch härter wird.

Mein Rat in einem Satz

Bild von Dario Bošnjak

Dario Bošnjak

Seit 20 Jahren in der IT in Deutschland und Kroatien tätig und verantwortet seit zehn Jahren die Architektur eines deutschen Managed-IT-Dienstleisters. Sein Team betreut unter anderem souveräne Cloud-Lösungen, Multicloud, IT-Arbeitsplätze, Netzwerke, SAP-Betrieb und Künstliche Intelligenz. Er ist Mitglied der Kroatischen Wirtschaftsvereinigung.

Deutschland braucht IT-Partner in Europa aber andere als bisher

Deutschland braucht IT-Partner in Europa aber andere als bisher